Lokalpresse, 2001/Hinweis auf 2001 und 2007

 

                        VON MICHAEL ALBRECHT, 19. Juli 2001

Moabit

„Ich will mal Schauspieler werden“, platzt André heraus und lacht übers ganze Gesicht. Talent muss er wohl haben, denn sonst hätte der 12-jährige Schüler an der katholischen St. Paulus-Grundschule kaum im Musical „Jaskors Reise zum Nordpol“ die Rollen von Bruno, Maik, dem Matrosen Egon, einem Hotelportier und eines gewissen Kasimirs gespielt. Auch Agata (12), Lampros (13), Krystian (13), Judith (11) und Christina (12), die Darstellerin des Haupthelden Jaskor, haben an der Schauspielerei riesigen Spaß gefunden. Dennoch kommt bei ihnen trotz der heute beginnenden großen Ferien etwas Wehmut auf: Mit dem mehrfach in der Aula aufgeführten musikalischen Spektakel gaben sie sozusagen ihre Abschiedsvorstellung an ihrer Schule.

Sechs Jahre drückten sie an der Waldenser Straße 27 die Schulbank. Von September an werden sie und ihre Mitschüler aus den beiden 6. Klassen weiter führende Schulen besuchen. „Dass uns die Mädchen und Jungen ungern verlassen, erleben wir immer wieder“, sagt Ingeburg Haesner, zurzeit noch kommissarische Schulleiterin der Konfessionsschule in unmittelbarer Nähe des Dominikaner-Klosters St. Paulus.

Es ist wohl kaum die rote Backsteinkirche allein, die den Schulhof und die mehrgeschossigen Unterrichtsgebäude weit überragt, die den Schülerinnen und Schülern ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Auch in anderem unterscheidet sich die 1964 auf Elterninitiative gegründete Schule, die dem Erzbischöflichen Ordinariat untersteht, von anderen Lehranstalten im Multikulti-Kiez Moabit.

Bereits zur ersten Unterrichtsstunde wird dies deutlich: Sie beginnt in jedem Klassenzimmer, an deren Wänden ganz selbstverständlich das Kruzifix hängt, mit einem Gebet oder einem Lied. „Montags gibts dann noch den Morgenkreis, bei dem jedes der Kinder etwas von seinen Wochenenderlebnissen erzählen kann“, berichtet die Schulleiterin. Einmal monatlich wird gemeinsam Schul-Messe in der Dominikanerkirche gefeiert. „Die Eltern, die uns ihre Kinder anvertrauen, wissen diese Geborgenheit zu schätzen“, sagt die 62-jährige Pädagogin, die selbst Mathematik und Religion („bei uns natürlich mit zwei Wochenstunden ein volles Lehrfach“) unterrichtet.

 

„Wenn ich höre, wie es bisweilen in anderen Schulen zugeht“, sagt Ingeburg Haesner nicht ohne Genugtuung, „kann ich versichern, dass bei uns keine kleinen Mädchen und Jungen Schutzgeldgroschen an ältere Schulkameraden zahlen müssen und niemand wegen seiner Religionszugehörigkeit und Hautfarbe auf dem Schulhof zum Gespött anderer wird.“ Und das will was heißen, sind doch die gut 350 Schülerinnen und Schüler in St. Paulus sehr unterschiedlicher Herkunft. Im Schuljahr 1999/ 2000 waren 267 deutsch, 42 polnisch, zwölf kroatisch, sechs italienisch, sechs griechisch, fünf irakisch und weitere Kinder kamen u.a. aus Ghana, Peru, Spanien, Korea, Bosnien und den USA. 85 Prozent der Kinder stammen aus katholischen Elternhäusern, der Rest aus Familien anderer christlicher Bekenntnisse. Lediglich Kinder aus muslimischen Elternhäusern, zum Beispiel türkischen, werden nicht aufgenommen. „Damit verhindern wir, dass diese Kinder in unserer Schule in Gewissenskonflikte mit dem Glauben ihres Elternhauses gestürzt werden“, erläutert Schulleiterin Haesner.

Die stets die Möglichkeiten übersteigende Zahl. der Schulanmeldungen — für den kommenden Herbst konnten wiederholt nicht alle Aufnahmeanträge berücksichtigt werden - beweisen den Erfolg des Konzepts. Kein Wunder, dass vor allem Übersiedler aus Polen oder Russland in St. Paulus die geeignete Schule für ihre Sprösslinge sehen.

 

Neben Pater Thomas vom benachbarten Dominikaner-Kloster, der in der traditionellen Dominikaner-Mönchskutte Religionsunterricht erteilt, gehören weitere 19 Pädagogen zum Kollegium, darunter zwei evangelische Lehrer (Sport und Musik). Sie alle besitzen eine vom Erzbischof erteilte Lehrbefähigung (Missio) und unterrichten nach dem so genannten Marchtaler Plan. Nach diesem von der Kirchlichen Akademie für Lehrerfortbildng Obermarchtal (Süddeutschland) entwickelten Konzept  werden die staatlich vorgegebenen Lehrpläne „im Sinnhorizont des Glaubens der Kirche“ vermittelt. Dabei ergänzen sich die vier Strukturelemente — vernetzter Unterricht, Fachunterricht, freie Stillarbeit und Morgenkreis — zu ganzheitlicher Erziehung und harmonischer Entfaltung und Förderung aller körperlichen und geistigen Anlagen der Kinder.

Neben sportlichen Aktivitäten — der Vorraum der Schule strotzt nur so von Medaillen, Ehrenurkunden und Pokalen in den Disziplinen Minimarathon, Fußball und Tischtennis wird mit dem neuen Schuljahr die Literatur zum Schwerpunkt der Bildungsarbeit erhoben. Unter dem Motto „Det verwächst sich ?“ — Kiezkindheit und Großstadtjugend in literarischen Texten — verwandelt sich das Foyer zum Treffpunkt für Schüler, interessierte Eltern und Schriftsteller. Der Berliner Kinderbuchautor Klaus Kordon („Die Flaschenpost “) und andere Schriftsteller werden zur Eröffnung am 3. September erwartet. Durch ein Berlin-Tor gelangen die Besucher in die Ausstellung über Kinder- und Jugendbücher aus den Jahren 1949-1999. Von der Decke schweben literarische Gestalten und Zitate. Und eine große Puzzle-Stadtkarte symbolisiert die jahrzehntelange Teilung der Hauptstadt und markiert sinnfällig das Motto der Exposition. Von einem Podium in Form des stilisierten Fernsehtumes kann gelesen werden. Und im Kranzler-Café lässt sich in einer „Literatur“-Zeitung mit Kostproben aus Berlin-Geschichten schmökern.

 
Christian Sprenger (47), von September an neuer Schulleiter, ist nicht nur Ur-Moabiter, sondern auch fest davon überzeugt, dass die von LesArt und Brüder-Grimm-Bibliothek mitgetragene Ausstellung „zum Renner, nicht nur in unserem Kiez“ werden wird. Und er hat sich vorgenommen, noch in diesem Jahr für seine künftige Schule eine Homepage im Internet einzurichten.

Im TAGESSPIEGEL (Juni 2001, Seite 11) waren auf dem Bühnenfoto Alexander Adler, Katharina Möltel und Philipp Gervemstett zu sehen (Ausschnitt eines Fotos von David Heerde).

Doch ohne Techniker sind Schauspieler und Musiker nichts - die Kinder an der Ausrüstung und den Kabelrollen haben den härtesten Job, denn sie sind ununterbrochen gefragt. Außerdem springen begeisterte Eltern mit ein. „Ein Wochenende lang war die Aula hier in eine Bühnenwerkstatt verwandelt", erzählt Frau Pöllinger. Väter räumten ihre Bastelwerkstätten leer, rückten mit Stichsägen und Klebepistolen an und bauten Bühnenbilder. 13 davon braucht das Musical, etwa einen Eisberg aus Folie oder die Zugkabine, in der Jaskor reist, während ihn die Techniker auf Rollen über die Bühne ziehen.

Kostüme gab es ...

(Fortsetzung mit diesem schulinternen Link zum Zeitungsbericht über das Theaterstück "Jaskors Reise..."/2001)

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Nächster Lese-Tipp:  Der Altbundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker las in der St. Paulus-Schule, 8.3.2007;

 externer Link  zum Zeitungsbericht

Bearbeitung : 21.10.2009, 6.12.2013, 8.3.2014

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